Kommentar: 4 Millionen Euro zu verschenken

(srb) Vor einigen Tagen berichtete die „Stuttgarter Zeitung“ über den bevorstehenden Verkauf der sogenannten Diplomatensiedlung auf dem Stuttgarter Killesberg. In die Entscheidung des Verkäufers, wer zu welchen Konditionen den Zuschlag für die Liegenschaften erhält, hat sich sogar OB Fritz Kuhn eingeschaltet.

Diplomatensiedlung, Immobilien StuttgartDie 12 denkmalgeschützten Bungalows der Diplomatensiedlung erhielten ihren Namen, weil die Bundesrepublik sie in den 50er Jahren für Mitarbeiter des amerikanischen Konsulats bauen ließ. Dieser Zweck ist zwar längst entfallen, doch der Name blieb und auch der Staat blieb mit seiner „Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“ Eigentümer. Das soll sich nun ändern, denn die Häuser stehen nach einigen Angebotsmonaten offenbar unmittelbar vor dem Verkauf. Als Bieter stehen nach Information der „Stuttgarter Zeitung“ unter vielen anderen bereit: Ein Unternehmen aus dem Raum Stuttgart, das „Gerüchten zufolge“ einen Kaufpreis von 8 bis 10 Millionen Euro geboten hat.

Des weiteren sind da die bisherigen Mieter, die zusammen mit externen Interessenten als private Bietergemeinschaft einen Kaufpreis in Höhe von 5 Millionen Euro geboten haben. Eigentlich eine klare Sache, sollte man meinen. So sieht es auch die Bundesanstalt auf der Verkäuferseite. Dort sieht man sich im Sinne des Steuerzahlers verpflichtet, bei ansonsten vergleichbaren Bedingungen dem Höchstbietenden den Zuschlag zu erteilen. Welche Summe marktgerecht ist, kann jeder selbst errechnen: Der Bodenrichtwert für das für die insgesamt über 10.000 m² großen Grundstücke liegt laut Gutachter-Ausschuss bei rund 1.000 € je Quadratmeter.

Anders sieht das offenbar der Stuttgarter OB Fritz Kuhn. Obwohl nicht unmittelbar am Verkauf der Immobilien beteiligt, spricht sich dieser in einem Schreiben an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble für einen Zuschlag an die private Bietergemeinschaft aus. Begründung laut StZ: Deren Angebot sei „ein gelungenes Beispiel dafür, wie denkmalgeschützte Bausubstanz erhalten, eine gewachsene soziale Struktur erhalten und zugleich Wohnungseigentum begründet werden“ könne. Ein Dementi dieser Meldung erfolgte nicht, so dass von deren Richtigkeit auszugehen ist.

Diplomatensiedlung Stuttgart ImmobilienWenn auch nicht bekannt ist, was der konkurrierende Bieter beabsichtigt, muss doch darauf hingewiesen werden, dass natürlich jeder an den Denkmalschutz gebunden ist und Wohnungseigentum bilden kann. Nun ist aber zu fragen, warum bisherige Mieter plötzlich zu Kaufinteressenten werden. Schließlich waren es eben diese Mieter, die während der Verkaufsaktivitäten nicht müde wurden, auf erhebliche Renovierungsrückstände und andere tatsächliche oder vermeintliche Probleme des Häuserensembles hinzuweisen. Insbesondere wurde eine gesundheitsschädliche radioaktive Strahlung bemängelt, deren Beseitigung mit erheblichen Kosten verbunden wäre. Noch mehr aber stellt sich die Frage, warum der Oberbürgermeister Partei ergreift in einem Immobiliengeschäft, an dem die Stadt Stuttgart direkt gar nicht beteiligt ist. Seit wann ist es die Aufgabe eines Oberbürgermeisters, Partikularinteressen zu vertreten?

Noch mehr aber: Es geht bei diesen Zahlen nicht um „Peanuts“, sondern um eine Preisdifferenz von schätzungsweise 4 Millionen Euro. Das ist in einer vergleichsweise wohlhabenden Stadt wie Stuttgart vielleicht nicht viel. Wenn der gemeine Steuerzahler allerdings mehr als eine Million Euro an Steuern hinterzieht, landet er mit größter Wahrscheinlichkeit im Knast. Oder anders gerechnet: Mit einem Betrag in der genannten Größenordnung ließen sich locker 20 familiengerechte Mietwohnungen bauen, die ein wenig zur Entlastung des Wohnungsmarktes beitragen könnten.

Zu klären wäre außerdem, warum Mieter, die jahrelang mit rund 7 Euro weit unter dem Mietspiegel liegende Quadratmetermieten zahlten, nun auch noch mit Kaufpreisen weit unter den Marktpreisen belohnt werden sollen. Mit „sozialer Struktur“ hat das vielleicht zu tun, mit sozialer Gerechtigkeit aber nicht im Geringsten!

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Kommentare

  1. Gustav Sucher hat kommentiert:

    Hallo, ich suche auch noch jemanden, der 4 Millionen haben möchte. Moment nein, ich suche jemanden, der 4 Millionen loshaben möchte. Den Abnehmer habe ich schon gefunden. Danke für den Artikel

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