„Ergebnisoffener Diskurs nötig“

Das folgende Interview mit Dr. Bolz Geschäftsführer und Autor dieses Blogs, Michael Barth, wurde am 16.05.2013 auf Immobilien-Zeitung.de veröffentlicht.

Michael Barth FRICSMichael Barth, Geschäftsführender Gesellschafter von Dr. Bolz Immobilien, hat u.a. Stadtentwicklungsprojekte wie das Silberado und das Friedelareal mit verantwortet. Als Lobbyist für den Branchenverband Immobilienwirtschaft Stuttgart (IWS) beanstandet er Planungsversäumnisse der Stadt Stuttgart und fordert einen sachorientierten Diskurs.

Immobilien Zeitung: Ob Villa Berg, ehemaliger IBM-Campus, Calwer Passage oder Wohnungsbau am Killesberg: Warum ist ein tragfähiger Konsens so schwierig?
Michael Barth: In den meisten Fällen deshalb, weil in Stuttgart ein kooperatives und zukunftsorientiertes Miteinander von Verwaltung, Grundstückseigentümern, Investoren, Projektentwicklern und Planern nur selten möglich ist. Es mangelt häufig an einer sachorientierten und ausgewogenen Abwägung privater und öffentlicher Belange, an Verbindlichkeit sowie bei allen Beteiligten an einem respektvollen und wertschätzenden Umgang. Das ist aber die Voraussetzung für einen zukunftsfähigen Konsens.

Was wäre konkret ein gangbarer Weg, beispielsweise beim alten IBM-Campus?
Eine nachhaltige Entwicklung unter Wahrung einer gesellschaftlichen Verträglichkeit setzt einen ergebnisoffenen und sachlich geführten Diskurs ohne ideologische Fixierungen voraus. Beim IBM-Campus besteht die einmalige Chance zum Bau eines Stadtquartiers des 21. Jahrhunderts. Neue Wohn- und Arbeitslebenskonzepte mit einer ausgewogenen Sozialstruktur, neue Bauformen und Umwelttechniken bieten enorme Chancen für den Standort Stuttgart, seine Bürger, Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Mit einem weiterentwickelten Weißenhof-Konzept wäre der Erhalt mehrerer Gebäude möglich. Die Ansiedlung von Zukunftstechnologien würde den Standort krisensicherer sowie international noch attraktiver und zudem wettbewerbsfähiger machen. Auch andere Konzepte, wie ein Bildungs- und Hochschul-Cluster, sind diskussionswürdige Ansätze. Hier könnten viele über die Stadt verstreute Bildungseinrichtungen und Hochschulen zusammengefasst werden. Die Frage nach der Verantwortung des ursprünglichen Bauherrn und der damaligen Genehmigungsbehörde muss ebenfalls erlaubt sein. Wieso wurden keine verpflichtenden Regelungen für eine nachhaltige Standortverantwortung mit der IBM getroffen? Schließlich wurden dem Unternehmen damals außergewöhnliche Vorteile, wie das Bauen mitten im Wald, zugestanden.

Das Thema Denkmalschutz wird bei den Bürgern einerseits ganz hoch angesiedelt, andererseits auch schnell wieder relativiert. Warum wird mit zweierlei Maß gemessen?
Die Stuttgarter Bürger leben und identifizieren sich mit den für sie bedeutenden Bauten wie Königsbau, Markthalle, Bonatz-Bau, Villa Berg, Tagblattturm oder Staatsgalerie. Häufig gibt es eine engere Beziehung aus persönlichem Erleben. Der IBM-Campus liegt außerhalb der Wahrnehmungssphäre des Stuttgarter Bürgers mitten im Vaihinger Wald und ist gerade einmal 46 Jahre alt. Die meisten Bürger kennen die Gebäude des IBM-Campus, wenn überhaupt, vom Hörensagen oder aus der Presse. Sie haben so gut wie keine emotionale Bindung zu dieser Liegenschaft und wenig Verständnis dafür, dass dieses relativ junge Gebäude mit einer derartigen behördlichen Inbrunst geschützt werden soll.

Warum gibt es trotz des Innenentwicklungsmodells (SIM) in Stuttgart zu wenig bezahlbaren Wohnraum? Oder stimmt das gar nicht?
Schätzungsweise fehlen in Stuttgart 2.000 Wohnungen für einkommensschwache Haushalte. Familien mit mehr als einem Kind finden kaum angemessenen Wohnraum zu bezahlbaren Mieten zwischen 8 und 10,50 Euro/m2. Bestehende Flächenressourcen durch entsprechende Nachverdichtung in der Stadt zu nutzen, ist ein sinnvolles Instrument zur Schaffung zusätzlichen Wohnraums. Es entbindet die Baubehörde aber nicht von ihrer Verpflichtung zu einer umfassenden strategischen Stadtentwicklung, d.h. bei Bedarf auch neue Bauflächen auszuweisen. Im Neubau muss auch über reduzierte Ausstattungsansprüche und gezielte öffentliche Förderung nachgedacht werden. Die Entwicklung der Wohnraumversorgung wurde über viele Jahre hinweg von der Kommunalpolitik falsch bewertet. SIM in seiner jetzigen Fassung wird das aktuelle Stuttgarter Wohnungsproblem daher auch nicht lösen können. Der Fehlentwicklung im Innenbereich kann nicht erfolgreich mit behördlichen Zwangsmaßnahmen zulasten Dritter begegnet werden. Hier hilft zeitnah nur eine Vernetzung der lokalen und regionalen öffentlichen sowie die privatwirtschaftlichen Akteure.

Wie will der IWS den Dialog zwischen Öffentlichkeit, Verwaltung und Experten in Gang bringen?
Es steht das Angebot des IWS an OB Kuhn zu einem Dialog über eine zukunftsoffene und moderne Stadt durch gemeinsame Planungsprozesse sowie der Optimierung von Verwaltungsabläufen. Und der IWS ist Kooperationspartner der neuen Wohnimmobilien-Messe für Stuttgart und Region in der Porsche-Arena Anfang Juni.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Dagmar Lange.

 

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